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Harry Schröder
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Entgiftung           

 

Zum 09.03.2007 hatte ich mich zur Entgiftung in einer Klinik (geschlossene Psychiatrie) angemeldet.

Obwohl ich wusste, dass ich erst in fünfzehn Wochen wieder zurück sein würde, packte ich meinen Koffer erst am Morgen, irgendwelche Sachen warf ich in den Koffer. Da es relativ kalt war, packte ich natürlich warme Sachen ein.

Wie üblich für mich, hatte ich nicht gelesen, was die Klinik empfohlen hatte, mitzunehmen. Also waren keine Sport- oder Schwimmsachen oder Sommerkleidung dabei.

Ralf E., ein Freund, holte mich ab und brachte mich um 9:00 Uhr in die Klinik. Da ich schon um 5:00 Uhr wach gewesen war, hatte ich natürlich schon etwas gegen die Entzugserscheinungen tun müssen.

Also erstmal einen Longdrink. Die Wochen zuvor hatte ich mindestens zwei Flaschen Schnaps pro Tag getrunken. So hatte ich doch tatsächlich unglaubliche 1,6 Promille, als ich in der Klinik ankam. Ich fühlte mich doch eigentlich total nüchtern.

Die geschlossene Abteilung im Krankenhaus, in der die Entgiftung durchgeführt wurde, kannte ich ja schon. Es war eine typische Krankenhausstation mit einem sehr langen Flur, links die Zimmer für die Patienten, Schwesternzimmer. Rechts Toiletten, Badezimmer und Büros für Ärzte, Psychologen usw.

Nur die Eingangstür war immer verschlossen, man kam nur mit einem/r Pfleger/in rein oder raus.

Auch anders als in normalen Krankenstationen war rechts ein großer Raum für Ergotherapie, also Basteln und sonstige Beschäftigungen, und links erst ein großer Aufenthaltsraum mit TV und anschließend eine Küche.

In der Abteilung waren nur sehr wenige zur Entgiftung, also „Alkies“. Die meisten waren „manisch depressiv“ oder hatten Altersdemenz oder andere geistige Defekte. Es waren in dieser Abteilung aber fast nur leichte Fälle. Die ersten zwei Tage waren schrecklich, außerdem Dreibettzimmer, aber das kannte ich ja schon.

Nur meine totale Kapitulation vor dem Alkohol war wichtiger und ließ mich alles klaglos ertragen. Weil, ich wollte Hilfe haben, brauchte Hilfe.

Das Pflegepersonal war sehr gut ausgebildet und hatte sehr viel Verständnis. So durfte ich sogar nachts in den Aufenthaltsraum um TV zu sehen oder in die Küche. Der lange Flur war auch sehr gut, die ersten Tage konnte ich dort auf und ab laufen, stundenlang. Weil trotz der Beruhigungsmedikamente, war ich innerlich total unruhig. So dass ich es nicht aushielt, still zu sitzen, zu liegen oder sonst etwas zu tun.

Normalerweise durfte man in den Aufenthaltsraum nur zu den Essenszeiten, erst ab 19:00 Uhr bis 23:00 Uhr durfte man TV sehen. Die meisten hielten sich sowieso immer in dem Raucherzimmer auf, dort war auch der Treffpunkt für alle.

Obwohl die Abteilung teilweise überbelegt war und auf den Zimmern keine Fernseher erlaubt waren, traf man niemanden abends im TV-Raum an. Fast alle waren ab 19:00 Uhr in ihren Zimmern, ab 23:00 Uhr war sowieso Nachtruhe.

Was die, außer den Rauchern im Raucherzimmer, in ihren Zimmern machten, entzog sich meinem Wissen, aber ich wunderte mich sehr darüber.

Besonders die „manisch Depressiven“ machten einen total normalen Eindruck auf mich. Da gab es von sehr jungen Menschen bis zum Rentner alles.

Meistens waren diese Leute sogar freiwillig hier. Manche fast schon ein Jahr. Hauptsächlich wurden sie auf Medikamente eingestellt und es wurde versucht, sie auf das Leben „draußen“ vorzubereiten. Die meisten waren auch schon sehr oft in dieser Abteilung gewesen. Ich glaube, für die war es fast ein Zuhause, auf jeden Fall fühlten sie sich sicher, so betreut und überwacht.

Die mit Altersdemenz konnten einem Leid tun, sie vegetierten so dahin. Aber sie nahmen es selber wohl ganz anders wahr. Ein älterer Herr war darunter, der war eigentlich ganz nett und symphatisch, außer, dass er alles sofort wieder vergaß, was er mitbekam oder selber erzählte. Wenn ihn ein menschliches Bedürfnis überkam, dann zog er sich an Ort und Stelle aus. Sofort wurde das Pflegepersonal gerufen, das ihn dann zur Toilette brachte.

Es gab auch welche, die den ganzen Tag am Bett fixiert waren und deren Zimmer abgeschlossen waren. In diese Zimmer ging das Pflegepersonal niemals alleine. Einer war dabei, wenn die Fixierung wegen essen oder anderem gelöst wurde, dann war das ganze Pflegepersonal in seinem Zimmer und es gab dann oft Geschrei, Gebrülle und Gepolter.

Manche schlichen auch total teilnahmslos über den Gang oder saßen abwesend beim Essen im Aufenthaltsraum, bekamen sogar vom Pflegepersonal die Butterbrote geschmiert und wurden gefüttert. Einige Bettlägigere bekamen ihr Essen auch in den Zimmern, die meisten jedoch im Aufenthaltsraum.

Fast alle machten aber einen ganz normalen Eindruck, ich fragte mich bei vielen, was die überhaupt in dieser geschlossenen Abteilung machten.

Mehrmals am Tag wurde mein Blutdruck gemessen und eine Pflegerin füllte einen Fragebogen aus. Eine von den Bekloppten war den ganzen Tag nur am Plappern, ob jemand dabei war oder nicht. Ihr hörte sowieso keiner zu. Ab und zu wurde sie auch aggressiv oder beschimpfte die Pfleger, dann wurde sie ruhig gestellt.

Im Fragebogen gab es auch die Frage: Haben Sie Halluzinationen? Auf meine Nachfrage hin wurde mir erklärt, dass viele weiße Mäuse, Spinnen oder rosa Elefanten sehen, während der Entgiftung. Am vierten Tag antwortete ich das erste Mal mit ja und erklärte: „Ich sehe immer so eine Bescheuerte im Rollstuhl auf dem Flur“. Die Pflegerin sah mich an, musste lachen und sagte: „Das ist leider Realität“.

Die Pfleger/innen waren sowieso sehr sehr nett und verständnisvoll.

Wenn die Nachtschicht „Mittagspause“ machte und sich in der Küche etwas zu essen zubereitete und ich mal wieder durch die Gegend schlich, wurde ich auch schon mal zum Mitessen eingeladen, selbst wenn es schon 3:00 Uhr morgens war.

Auf meinem Zimmer war ein sehr junger „manisch Depressiver“, gerade mal zwanzig Jahre alt, der hatte sich vor über einer Woche freiwillig eingewiesen. Ihm war alles zu viel geworden, und er hatte auf einmal Angst bekommen. Ansonsten war er ganz normal. Seine Eltern und auch seine Verlobte, die ihn besuchen kamen, hatten sehr viel Verständnis für ihn. Was ihm zuviel geworden war oder wovor er Angst hatte, konnte er nicht erklären. Eigene Wohnung mit der Verlobten im Haus der Eltern, Lehrstelle, neues Auto, Freunde, ein ganz normales Leben…

Der andere in meinem Zimmer war ein weit über 70-jähriger netter Herr. Den hatte sein Sohn zur Entgiftung gebracht, der hatte ihn mal wieder besinnungslos betrunken zuhause aufgefunden. Er sollte nun entmündigt werden und in die geschlossene Abteilung eines Altersheims kommen. Er verstand das alles gar nicht. Zur Entgiftung war er schon mehr als zehn Mal gewesen, aber immer wieder rückfällig geworden.

Ab Samstag waren wir dann nur noch zu zweit, der junge Mann hatte sich zu einer Therapie entschieden und war entlassen worden. Was für ein Zufall, dass der alte Mann den Neuen, der auf das Zimmer kam, kannte, sie hatten schon oft genug im Park oder zuhause bei dem alten Mann zusammen gefeiert und gesoffen. 

XXXXXXXXXXXXX 

Der durchgeknallte Markus:

Auf dem Flur, vor dem Stationszimmer, lag jemand am Tropf und er war am Bett fixiert. Der pennte bis zum nächsten Tag. Mitpatienten sagten mir, dass der schon vor vier Tagen da gewesen wäre, aber abgehauen war, als er losgebunden wurde. Er war ein Exknacki und hatte ein blutiges Gesicht. Er war vorher von der Polizei zwangsweise eingeliefert worden, mit 4,1 Promille, jetzt war er freiwillig da, mit nur 3,4 Promille. Na ja, freiwillig ist so`ne Sache, er hätte sonst gegen seine Bewährung verstoßen. Am nächsten Tag kam er auf das Zimmer, ich dachte nur: geht’s nicht noch schlimmer?

Markus war total durchgeknallt und schon mehr als zwanzig Mal zu einer Entgiftung gewesen und drei Mal zu Langzeittherapien. Er war knapp über dreißig Jahre alt, machte eigentlich einen netten Eindruck, wenn da nicht ein paar schlimme Narben im Gesicht gewesen wären. Die zeugten von einigen schlimmen Schlägereien in seinem Leben, nach Unfällen sahen die nicht aus. Er war frech, ließ sich nix gefallen, bettelte um Tabletten usw. Die Pfleger kannten ihn ja schon sehr gut, war ja nicht das erste Mal, dass er in dieser Abteilung gelandet war und alle verdrehten immer die Augen, wenn er ankam. Würde er nicht so viele Drogen nehmen und saufen, wäre er ein richtig guter Verkäufer. Er konnte sehr gut reden und andere überzeugen. Er hörte auch nie auf zu argumentieren, jedenfalls solange nicht, bis er sein Gegenüber überzeugt hatte oder die genervt aufgaben.

Ab dem vierten Tag durfte man die geschlossene Abteilung nach draußen verlassen. Natürlich musste man jedes Mal, wenn man wieder zurückkam, „pusten“. Markus bettelte mich um zwanzig Euro an und kam mit Haschisch zurück. Wir rauchten einen richtig guten Joint, im Raucherraum. Fast keiner merkte etwas. Nur da Markus wieder durchdrehte, stand er in der Nacht noch dreimal wieder auf und rauchte jedes Mal einen Joint. Jedes Mal weckte er mich, ob ich auch wollte oder ihm wenigstens fünf Euro leihen könnte, dann würde er abhauen und Schnaps besorgen. Machte ich natürlich nicht. Markus entließ sich dann am nächsten Tag, er war ja freiwillig da...

Nun etwas über körpereigene Drogen. Endorphine, Dopamin usw.

Im Gehirn gibt es ein Belohnungssystem. Das belohnt das Gehirn immer, wenn wir etwas Tolles /Schönes /Geiles gemacht/erlebt haben, mit Dopamin/Endorphin, und wir fühlen uns wohl und glücklich. Danach gibt es eine kurze Depriphase, und das Gehirn will wieder diese Drogen, damit wir glücklich sind. Es gibt aber ein Problem: das Kleinhirn (das steuert die automatischen Körperfunktionen) versucht, immer alles im Gleichgewicht zu halten. Nur ein bildhaftes Beispiel: Wenn unser Körper zu warm ist, gibt das Kleinhirn den Befehl zum Schwitzen raus, um zu kühlen und die Temperatur wieder in die Waage zu bekommen, selber kann man das nicht steuern. Auch das Belohnungssystem hält das Gehirn immer in Waage.

Leider kann man das Ausschütten der Glückshormone mit Alkohol, Drogen und Medikamenten oder Spielen (Spielsucht zählt auch dazu) beeinflussen. Dadurch wird die Waage des Gehirns für diese Glückshormone gestört. Zum Stimulieren der Glückshormone braucht man dann immer stärkere Dosierungen und normale Anlässe wirken gar nicht mehr. Die Glückshormone wirken nur eine gewisse Zeit, danach werden sie abgebaut, und man fühlt sich nicht so gut und will neue Anstöße: Sei es, etwas toll gemacht zu haben, gelobt zu werden oder Sex zu haben usw. Wenn man den Glückshormonen nachgeholfen hat, dauert es mit der Zeit immer länger, bis die Depriphasen wieder vorbei sind. Dadurch entsteht die Sucht, das Gehirn braucht immer mehr und öfter Stimulierung, und der Körper braucht etwas gegen die Entzugserscheinungen.

Entzugserscheinungen sind sehr schlimm. Man ist innerlich total unruhig, hält den Zustand nicht aus. Die Hände zittern, Treppen runtersteigen ist sehr schwierig. Greifen geht fast gar nicht, die nächste Flasche Schnaps aus dem Regal nehmen geht nur mit zwei Händen. Man bekommt auch immer wieder sehr heftige Schweißausbrüche ohne irgendeinen Anlass. Und es kann zu einem "Delir" (Delirium tremens hat wohl jeder schon mal gehört) kommen, daran sterben 20 % aller Patienten, sogar im Krankenhaus.

 

Gruppentherapie           

Nachdem ich meinen Suchtverlauf, der am Anfang dieses Buches steht, vor der Gruppe vorgelesen hatte, waren alle erst mal irgend wie platt. Dabei hatte ich doch alles nur angedeutet was ich in meinem Leben erlebt hatte.
Ich sollte mal zur Ruhe kommen und mir erst mal kleine Ziele setzen??? Waren die Kommentare. Was heißt zur Ruhe kommen? Nicht mehr denken? Mal nichts tun?
Mache ich doch zwischendurch. Was heißt kleine Ziele setzen?
Statt ein Haus mit Terrasse eine Wohnung als Ziel?
Habe ich doch jetzt, soll sie fünf qm größer sein? Ein Fenster mehr? Ist das ein Ziel? Muss man sich dafür anstrengen? Statt einen Golf, sich einen Passat als Ziel vornehmen? Macht Herr und Frau Normal das so? Statt eine schlimm doofe Arbeit sich eine halb schlimm doofe Arbeit als Ziel zu setzen? Bin ich vom Leben zu verwöhnt?
Hatte doch nie große Wünsche, natürlich wäre eine Sauna im Haus toll gewesen, oder ein 120 cm Bildschirm, war aber nie so wichtig.
Hatte tolle Autos gefahren, nagelneue, schnelle, Sportwagen, Luxusautos. Hatte Spaß gemacht, aber wenn ich das Auto von meinem Papa angemeldet habe, bin ich auch damit sehr zufrieden. Nur das ist wieder so viel Aufwand und hat mit Behörden und Zwang zu tun, mag ich schon wieder nicht. Das Auto ist toll, ein Honda Accord, achtzehn Jahre alt, kenne jede Beule. Hatte vor achtzehn Jahren das Auto mit meinem Papa zusammen abgeholt.
Mir ist immer so, als wenn mein Papa, obwohl seit acht Jahren tot, immer bei mir ist, wenn ich im Auto sitze.
Ich glaube, für ihn würde ich vieles machen, rauchen aufhören, abstinent bleiben, alles versuchen um glücklich zu werden. Aber meine Vernunft weis: Er ist tot. Also muss ich es für mich machen.
Unter meine Alkoholkarriere werde ich als Untertitel schreiben:
Mein Leben verlief wie im falschen Film, aber es war schön.
Nur unser neuer Laufbayer Ernie und mein Nichtpolnisches Patenkind Stan verstanden mich und mein Leben.
Ein ganz neues Gruppenmitglied (erste Gruppentherapie) meinte sogar: Das hätte alle seine Erwartungen übertroffen, ich könnte ja richtig toll schreiben.
Holger meinte: Ich wusste nicht ob ich spontan aufstehen sollte und Beifall klatschen oder einfach nur neidisch sein sollte.
Monika 3 meinte etwas von wegen „Hallodrie“ oder ähnliches. Dank ihrer Einschätzung fiel mir dann der Untertitel ein, aber ob den nun wieder Jeder richtig versteht?

Geschichten

Der von mir Urbayer genannte, war diese Woche krank, er ist zwar in der anderen Gruppe, aber da wir immer mehr gemeinsam unternehmen und er einfach sehr nett und urig ist, habe ich unserem Neger (er ist zwar weiß, also jetzt braun; ich meine im Winter weiß und getz im Sommer, wenn die Sonne scheint, braun, auf jeden Fall ein echter Bayer, der sehr braun werden kann, fast so braun wie Ernie, auch so`n schwarzer Bayer. Aber echt weis, na egal, zurück zu unserem Neger...) Neger deshalb, weil er wieder zurück nach Südafrika ziehen will und da wohnen doch nur Neger... oder?
Er hatte ein paar Jahre in Namibia gelebt und hier in seiner alten Heimat Bayern gab es ihm zufolge inzwischen zu viele Russen und sonstige osteuropäischen Beutedeutschen, war seine Aussage.
Auf jeden Fall war der Arme krank und alle wissen doch, wie wir Männer reagieren, wenn wir einen Schnupfen haben. Und CH fing auch noch an zu kränkeln, sogar „Blondie“...
Hab` ich da was verpasst? Und irgendwo nicht mitgeknuscht?
Um mal wieder etwas gegen die Langeweile zu unternehmen zogen CH und ich los.
Den Urbayern nahmen wir zu seiner Ablenkung mit. Mit großen und strahlenden Augen beobachtete er uns: „Ach, ihr seid das immer“, war sein Kommentar und er musste lachen.
„Nein, Du Bayer, das sind wir gar nicht, heute zum ersten Mal“, erwiderten wir mit schmunzelnden Gesichtern und erfreuten uns an dem Spaß den unser Urbayer hatte.
Was immer auch passiert ist, während unserer Zeit in der Klinik und ich hier lieber gar nicht erst aufgeschrieben habe: Wir waren das aber nicht...
Heute war Nichtraucher-Welt-Tag oder so. Gestern hingen in den Fahrstühlen Zettel auf denen stand: Das heute überall in der Klinik Rauchverbot ist, selbst im „Rauchercafè Salü“, die waren aber heute morgen verschwunden. Na egal, ich hielt mich trotzdem daran. Es wurde gemeckert darüber: Ging von Schikane bis über Frechheit bis zu Zettel abreißen.
Eigentlich wollte ich das, was ich damals geschrieben hatte, ja nicht verändern. Weil ich so auch meine damaligen Ansichten und wie ich meine damaligen Stimmungen beschrieben hatte, nicht verändern wollte. Hier ist nun aber eins von vielen Dingen die ich heute anders schreiben oder kommentieren würde. Da ich alles zeitgleich auf meiner Homepage veröffentlichte, konnte ich nicht immer alles so aufschreiben oder beschreiben wie es tatsächlich war. Ich wusste dass einige Patienten, einige Freunde von mir, Arbeitskollegen und auch meine Therapeutin und wer weiß noch alles, die Homepage lasen:
Die Zettel, die in den Fahrstühlen hingen, hatte ich gemacht. Ich hatte mir genau angesehen, wie die offiziellen Mitteilungen der Klinik aussahen, Schriftbild, -Typ usw. und dann diese Nichtrauchermitteilungen genauso hergestellt wie sie offiziell ausgesehen hätten. Dann hatten CH und ich die Zettel in den Fahrstühlen angebracht. Wir sind natürlich danach fast nur noch Fahrstuhl gefahren, rauf und runter, um die Reaktionen mitzubekommen und hatten dabei sehr viel spaß. Es gab viele andere Dinge, die wir veranstalten hatten und die ich nicht schreiben konnte und jetzt auch nicht schreiben kann, sonst werden wir noch verklagt.

In letzter Zeit hatte ich mich eh mehr zu unserem neuen Laufbayern Ernie und meinem Patenkind Stan hingezogen gefühlt. Menschen die Erfolg im Leben hatten und haben werden, die verstehen mich besser und ich sie.
Unser Nichtpole Stan hatte mich sowieso am meisten von allen überrascht. Dass er so witzig sein konnte, hätte ich mir überhaupt nicht vorstellen können. Als absoluten Test erwies sich ja ein Straßenfest vor der Klinik, mit mehreren Bühnen und teilweiser toller Lifemusik. Es war Stadtfest im Ort.
...

Ich sprach mit ihm über seine Familie, die hatte ihn kontrolliert und überwacht, wegen seinem Alkoholkonsum. Meine Frage: „Wie hast Du das empfunden? Hast Du Dich nicht wie ein kleines unmündiges Kind gefühlt?“ „Ja natürlich,“ meinte er, „aber so schlau wie die bin ich schon lange.“ Ich musste lachen, war wieder mal typisch. Wir Alkoholiker sind halt nicht so, wie sich alle einen typischen Alkoholiker vorstellen, selbst wir haben uns ja einen typischen Alkoholiker ganz anders vorgestellt und u. A. deswegen immer abgestritten das zu sein.
Jedenfalls trifft es auf sehr sehr viele zu, die ich dort kennen gelernt hatte: Die meisten Alkoholiker scheinen hilfsbereiter zu sein, nachdenklicher, sensibler und einige sogar schlauer als der Normalbürger. Die meisten müssen hier lernen „NEIN“ zu sagen. Fast alle sind „Superschauspieler“.
Stan meinte: Durch das Misstrauen und Kontrollieren trinkt man halt irgendwann heimlich. Sei es grundsätzlich, oder um die Mengen zu Kaschieren. Und wenn wir das nicht super geschafft hätten und es uns nicht hätten anmerken lassen, dass wir betrunken sind, dann wären wir nicht hier gelandet. Weil was passiert denn wenn man heimlich trinken muss? Erst ist es sicherlich wie ein Sport: Die mich überwachen? Lachhaft! Und man trinkt gar nicht mehr mit Genuss, sondern man muss schnell trinken und trinkt dann auch fast immer zu viel, weil man ja nicht weiß, wann man das nächste Mal trinken kann.
Also treibt genau dieses heimliche Trinken einem in die viel schnellere Abhängigkeit. Hätte man das nicht machen müssen, wären viele sicher nur beim Alkoholmissbrauch geblieben und hätten kontrolliert trinken können. Ich selber hatte nie heimlich getrunken, nur am Wochenende hatte ich immer eine Flasche Schnaps in Reserve, aus der ich heimlich zwischendurch trank, damit niemand wirklich mitbekam wie hoch mein Alkoholkonsum war.
Das ist genauso, wie wenn Alkoholiker beim Autofahren erwischt werden: Sie müssen pusten und dann zur Blutabnahme, weil der Promillegehalt zu hoch ist. Was machen sie, wenn sie nach der Blutabnahme vom Arzt weiter untersucht werden? Sie spielen mal wieder ganz stolz den Nüchternden: Seht her, ich habe doch gar nicht soviel getrunken.
Dabei ist doch klar, dass es kurz nach dem Pusten oder der Blutprobe, Fakten gibt, die genau zeigen wie hoch der Blutalkoholanteil wirklich ist.

 

Planung und Organisation eines imaginären         

Gruppenausflugs
Ist tatsächlich genauso passiert: Auf keinen Fall vorher mitteilen wo es eigentlich genau hingeht, einfach davon ausgehen das es jeder weis, auch ganz neue Gruppenmitglieder. Auf gar keinen Fall vorher Fahrtickets für S-Bahn oder Bus besorgen. Vor Ort, am Bahnhof, spontan entscheiden, wer in den Genus der Gruppenfahrkarte kommt. Gute Gelegenheit sofort neue Mitglieder auszuschließen. Beim Umsteigen, den richtigen Zeitpunkt abwarten, um jemanden zu verlieren. Auf gar keinen Fall dann auf das verlorene Mitglied warten. Die Freiwilligen, die sich dann doch erbarmen zu warten, dürfen noch nicht einmal den Hauch einer Ahnung haben, wo es eigentlich hingeht. Natürlich Vorwürfe machen, wenn die Wartenden und das verlorene Schaaf eintrifft: Warum dauert das so lange? Mittags feststellen dass nur die andere Gruppe Lunchpakete hat. Aber die hatten ja auch vorher schon die Tickets besorgt, schleimige Streber halt...
Mitwirken das die Gruppe auseinander bricht,
...

Fahrstuhlgeschichten                                                                                       

Vor den Fahrstühlen waren sehr große Pfeile, damit man sah wohin der Fahrstuhl fuhr, es gab aber sehr viele ( die schon mehr als zwei Wochen da waren ), die stiegen in den Fahrstuhl und fragten: „Fährt der nach oben“? „oder unten“?
Es gab sogar welche, die nicht wussten welchen Knopf sie vorher drücken mussten. (Es gab nur: nach oben, oder nach unten) Eine fragte mich, woher sie denn wissen soll, wo der Fahrstuhl ist, damit sie ihm sagen kann, wohin er fahren soll (wie schon geschrieben: alles noch vor dem Fahrstuhl...)
Fahrstuhlfahren ist manchmal blöde: Wenn fünf Leute fahren wollen, werden bestimmt mindestens sieben verschiedene Stockwerke gedrückt. Oder man erwischt mal ganz alleine einen Fahrstuhl und freut sich schon, dass man in wenigen Sekunden im zehnten Stock ist. Schon geht die Tür wieder auf, es kommt noch jemand, der in der Tür stehen bleibt, weil weiter hinten noch welche kommen, auf die er dann wartet. Und bald leuchten die Knöpfe vom vierten und siebten und achten Stock. Nun ja, geht ja noch, denkt man. Aber dann hält der Fahrstuhl schon im ersten Stock, da steigt jemand ein, der in den Fünften will. Natürlich will der Nächste aus dem dritten Stock in den Sechsten, „Supi“ denkt man, fehlt ja nur noch der Neunte Und den drückt dann jemand der im Sechsten zusteigt. Nun ist man froh, dass man sich im Fahrstuhl nicht noch verfahren kann. Aber immer noch besser, als wie es Werner an seinem vorletztem Tag erlebte: ...
Die unendlichen Fahrstuhlgeschichten
Der Fahrstuhl kommt vom elften Stock, ich will vom zehnten ins Erdgeschoss. Die Tür geht auf und Schimpfenderweise steht der von mir schon mal erwähnte Langhaarige (fragt immer wo der TV-Raum ist und wird von CH Jesus genannt) im Fahrstuhl: Er wäre das jetzt langsam leid mit dem Fahrstuhl, er will endlich in den Keller. Er sei im Siebten eingestiegen und wollte in den Keller, aber der Fahrstuhl fuhr erst mal nach oben bis in den Elften. Oben waren dann endlich alle ausgestiegen, auf der Fahrt nach unten aber stiegen in anderen Etagen noch andere zu. Die sind dann im Erdgeschoss ausgestiegen und andere wieder ein.
Der Fahrstuhl fuhr dann aber wieder nach oben, bis wieder in den Elften und hielt fast in jedem Stockwerk, genauso wie auf der vorherigen Fahrt nach unten. ...

Manche verstanden einen Fahrstuhl wirklich nicht: Drückten im siebten Stock den Pfeil nach unten. Fahrstuhl kommt von unten, jemand steigt aus, alle rein. Im Zehnten steige ich dazu, weil der Fahrstuhl vom Elften kommt. Natürlich hält der Fahrstuhl auf dem Weg nach unten im Siebten.
Dann der Kommentar: Wieso hält der Fahrstuhl jetzt im Siebten? Da sind wir doch gerade losgefahren. Der Fahrstuhl spinnt halt manchmal, ist wohl kaputt. Dass sie selber den Knopf gedrückt hatten, aber erstmal nach oben gefahren waren, daran dachten sie nicht.

 

Ich behaupte von Alkoholikern, das, wenn sie trocken sind, oder
bevor sie getrunken hatten und abhängig geworden sind, hilfsbereiter, einfühlsamer, kameradschaftlicher, opferbereiter und überhaupt netter sind als andere. Und das diese Eigenschaften unter anderem sogar erst zu der Sucht geführt haben. Das vorherrschende Bild in der Gesellschaft ist aber ein ganz anderes: Nur es ist das Bild von Trinkern, Pennern und nicht das Bild von trockenen Alkoholikern: Leichtsinnig, Nachlässig, Verantwortungslos und vor allem Labil. Selbst normale Therapeuten arbeiten nicht gerne mit Alkoholikern zusammen, weil sie die Selben falschen Vorurteile haben.

                                                            

                                          

                                              

Wenn ich Dich kenne, könnte es vorkommen das Du in meinem Buch vorkommst, dafür entschuldige ich mich vorsorglich. 

 

 

"Abenteuer Therapie" © 2008 Harry Schröder  |  info@abenteuertherapie.de